Dienstag, 9. Dezember 2014

Denkt euch, ich habe das Rentier gekillt

Preisfrage: Wer trägt mehr zur Regulierung des Wildbestandes bei - die Jäger oder die Autofahrer?

Auf Niedersachsens Straßen und Bahngleisen werden pro Jahr 28.000 Rehe totgefahren, und von Jahr zu Jahr werden es tausend mehr. Dazu kommen rund 150 Rothirsche, knapp tausend Damhirsche und eineinhalbtausend Wildschweine. Und das sind wohlgemerkt nur die gemeldeten Wildunfälle. -- Ich weiß, ich weiß: Wildunfälle müssen gemeldet werden. Theoretisch. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass beispielsweise bei den Rössings in Achternbeek von Zeit zu Zeit mal ein unregistrierter, mit Opa Rössings rotzgrünem 70er-Jahre-Mercedes erlegter Rehbraten auf den Tisch kommt. Besonders zu Weihnachten. Die haben ja sonst nichts. 

Bei ihren wohlhabenden entfernten Verwandten, den Rössings auf Gut Rössingen, gibt es ebenfalls Wild zu Weihnachten - mal Reh, mal Schwein, auf jeden Fall aber ohne Reifenspuren. Bernulf Rössing jr. ist zwar, im Gegensatz zu seinem verstorbenen Vater, ein miserabler Jäger und hat eigentlich auch gar keine Freude an diesem blutigen Handwerk, aber einmal im Jahr muss er da durch - das erwartet seine Mutter von ihm. Weihnachten hat was Selbstgeschossenes auf den Tisch zu kommen, das ist Familientradition. Also geht Bernulf Rössing jr. alle Jahre wieder mehr oder minder widerwillig auf die Pirsch. Wenn ihm nichts Anständiges vor die Flinte kommt, kauft er seinem Skatbruder Weigelt Schmidtjohann, der regelmäßig weit mehr Wild zur Strecke bringt, als seine Familie essen kann, ein Reh oder eine Wildsau ab - aber heimlich, seine Mutter darf nichts davon erfahren. Die Schmidtjohanns gehören zwar zu den reichsten Bauern der Samtgemeinde, aber sie sind keine alte Bauernfamilie. Vor drei Generationen oder so waren sie noch Schmiede, daher auch der Name. Aus Sicht einer Bertha Rössing, geborene Nolte, sind sie damit Emporkömmlinge. Man muss sich, schon im eigenen Interesse, einigermaßen gut mit ihnen stellen, darf sie aber nicht als ebenbürtig anerkennen. Beispielhaft auf den Punkt gebracht: Zum Neujahrsempfang auf Gut Rössingen werden die Schmidtjohanns eingeladen, aber würde Weigelt Schmidtjohann sich dazu versteigen, auf seinem Finkenhof selbst einen Neujahrsempfang zu geben, ginge Bertha Rössing, geborene Nolte, selbstverständlich nicht hin. -- Aus demselben Grunde wäre es eine Schmach für sie, anerkennen zu müssen, dass Weigelt Schmidtjohann ein besserer Jäger ist als ihr eigener Sohn. Dass vermutlich selbst Opa Rössing aus Achternbeek am Steuer seines rotzgrünen 70er-Jahre-Mercedes ein besserer Jäger ist als Bernulf jr., steht auf einem anderen Blatt. Die passionierten Jäger der Samtgemeinde spotten an ihrem Stammtisch gern, Bernulf jr. wäre mit der von seinem Alten Herrn geerbten Jagdflinte bestenfalls im Stande, auf dreißig Schritt Entfernung den Kirchturm von Dorf Rössingen zu treffen; aber immerhin sind sie loyal genug, dass sie das der alten Bertha nicht verraten.

Da das diesjährige Weihnachtsfest näher rückt, aber immer noch kein Festtagsbraten in der Rössingschen Gefriertruhe schlummert, hat sich Bernulf Rössing jr. wieder einmal mit Weigelt Schmidtjohann zu einem gemeinsamen Jagdausflug ins Gimmertener Holz verabredet. Weigelt hat zwar gewitzelt, bessere Aussichten hätten sie, wenn sie sich an einem Wildwechsel an der Landesstraße nach Diepholz postierten, aber Bernulf hat schließlich auch seinen Stolz.

Und nun sitzen sie in der Dämmerung mit ihren Gewehren auf Weigelts bevorzugtem Hochsitz im Gimmerter Holz und warten. Weigelt schmaucht dabei behaglich seine kurze krumme Pfeife und spricht kaum alle halbe Stunde einmal ein Wort; Bernulf denkt, dass Jagen so ähnlich sei wie Angeln, nur auf dem Trockenen. Im Angeln ist er allerdings ähnlich erfolglos, und es macht ihm auch genauso wenig Spaß.

Auf einmal regt sich etwas im Gehölz, und Bernulf ist auf einen Schlag hellwach. Kaum zeigt sich ein von einem Geweih gekrönter Tierkopf zwischen den Bäumen, da hat er schon das Gewehr im Anschlag.
Weigelt hat keine Chance, ihn zurückzuhalten. "War-", beginnt er, aber die zweite Silbe "-te" wird von Bernulfs Schuss übertönt.
Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden Männer überraschter ist, als das Tier, das so unvorsichtig seinen Kopf zwischen den Bäumen hervorgestreckt hat, tatsächlich leblos zusammenbricht.
"Beachtlicher Schuss", brummt Weigelt anerkennend und erhebt sich gemächlich von seinem Sitz. "Dann wollen wir uns den Kawenzmann mal näher ansehen."

Obwohl Weigelt Schmidtjohann bekannt dafür ist, sich mit einer Behäbigkeit zu bewegen, als halte er Eile für unter seiner Würde, ist er schon vom Hochsitz herunter und bei dem toten Tier angekommen, ehe Bernulf, dem vor Erregung über sein Jagdglück die Knie zittern, die unterste Sprosse der Leiter erreicht hat.
"Ein Blattschuss wie aus dem Lehrbuch!", ruft Weigelt ihm entgegen. "Hätte ich nicht besser gekommt. Aber schau dir mal an, was für ein seltenes Wild du da erlegt hast!"

Bernulf traut seinen Augen nicht, als er endlich seine Jagdbeute erreicht hat. Was da tot vor ihm liegt, ist ohne jeden Zweifel ein Esel, dem man mit Hilfe eines knallroten Zaumzeugs ein künstliches Rentiergeweih auf dem Kopf befestigt hat.

"Der muss aus dem Wanderzirkus ausgebüxt sein, der in Gimmerten gastiert", bemerkt Weigelt trocken. "Die Zirkusleute scheinen ihre Tiere schlecht zu füttern, sonst wäre der Esel wohl geblieben, wo er hingehört."
Bernulf antwortet nicht. Er steht nur zitternd da und wird abwechselnd rot und blass.
"Nun mach dir mal keine Sorgen", beschwichtigt ihn Weigelt und schlägt ihm jovial auf die Schulter, woraufhin Bernulf nur noch mehr zittert. "Morgen früh fahre ich zu den Zirkusleuten und bezahle ihnen ihren Esel - obwohl sie eigentlich selbst schuld sind, wenn sie ihn ausreißen lassen, aber was soll's. Vielleicht lasse ich ihn ausstopfen und schenke ihn meinen Enkelkindern. Und du kannst für dein Weihnachtsessen wieder einen Rehbraten von mir bekommen. Bei mir gibt's dieses Jahr Wildschweinbratwürste."

Da Bernulf immer noch nicht antwortet, blickt Weigelt auf und muss laut lachen, als er den verstörten Gesichtsausdruck seines Kameraden sieht. "Du kannst dich natürlich auch als Polizeikontrolle ausgeben", spottet er, "und Opa Rössing aus Achternbeek auf dem Heimweg vom Möhlenbeeker Dorfkrug abfangen. Vielleicht hat er was Schönes für dich im Kofferraum."



[Inspirationsquellen: siehe hier... und hier!

Samstag, 6. Dezember 2014

Weihnachtsmarkt mit Tinnef und Gedöns

Die Puvogel-Frauen, und zwar alle Frauen dieser Familie, auch und besonders die angeheirateten, sind berüchtigt für ihre sozialpädagogische Ader. Annemie Puvogel zum Beispiel, obwohl sie von Beruf eigentlich Chemielaborantin ist und bei LiquiTech in Medeloh arbeitet. Besser gesagt: gearbeitet hat, bevor die Fabrik explodiert ist. Zu ihrem Glück fand die Explosion außerhalb ihrer Arbeitszeit statt. Ihr Gehalt wird ihr vorerst weitergezahlt. Und dann muss man mal sehen. 

Eigentlich heißt Annemie Puvogel natürlich Annemarie mit Vornamen, aber sie wurde schon als Kind Annemie gerufen, und dabei ist es geblieben. Zumindest soweit es ihre Verwandten und Freunde betrifft. Menschen, die ihr weniger wohlgesonnen sind, nennen sie hinter ihrem Rücken auch gern Pannemarie - einerseits wohl, weil die Leute hier einfach eine Vorliebe für alliterierende Vor- und Nachnamen haben, andererseits und vor allem aber, weil Annemie Puvogel so vertrottelte Hobbies hat wie die Anfertigung von Schmuck aus gebrauchten Nespresso-Kapseln

Das klingt abwegig, aber es ist wahr: Annemie Puvogel bastelt aus ausgelutschten Aluminium-Näpfchen Armbänder, Halsketten, Broschen, Haarspangen und allen möglichen sonstigen Tinnef, womöglich sogar Ohrringe. Sie hat dieses Hobby schon länger, aber seit sie den ganzen Tag zu Hause sitzt, ist ihre Produktion sprunghaft angestiegen. Stellt sich natürlich die Frage, wohin mit dem ganzen Ramsch. Glücklicherweise ist demnächst Weihnachtsmarkt in Gössweiler, und da will Pannemarie ihre 'Creationen' an den Mann oder die Frau bringen. 

Diese Information verdanke ich meiner Tätigkeit als Lokalredakteur beim Landkreisboten. Ich bin einer von genau vier hauptberuflichen Mitarbeitern dieser Lokalredaktion, einschließlich eines Fotografen. Nun gut, es ist eben eine kleine Zeitung - aber die Samtgemeinde ist groß, und wir paar Hauptberuflichen können nicht überall zugleich sein. Folglich sind wir in unserem Berufsalltag auf die Zuarbeit so genannter 'freier Mitarbeiter' angewiesen. Hinter dieser Bezeichnung verbergen sich zum Teil Schüler der oberen Klassen des Gymnasiums Groß Söfingen, zum Teil Hausfrauen, zum Teil Lehrer oder andere Beschäftigte im Öffentlichen Dienst und zum Teil Rentner. Damit decken wir immerhin ein recht großes Interessenspektrum ab - sage ich mir manchmal, wenn ich etwas Aufmunterung brauche. Ich würde gern behaupten, so unterschiedlich wie unsere freien Mitarbeiter sei auch die Qualität ihrer Beiträge; aber ich fürchte, da müsste ich lügen. 

Ich war somit von vornherein nicht besonders euphorisch, als Barbara Nölting freudestrahlend einen Vorbericht zum Weihnachtsmarkt in Gössweiler bei mir einreichte. Barbara Nölting gehört zur Hausfrauenfraktion unserer freien Mitarbeiter - und außerdem, auch wenn das eigentlich nichts zur Sache tut, gehört sie zu den hier auf dem Lande gar nicht so seltenen Frauen, die ihr ganzes Leben lang aussehen wie Vierzig. Schon auf den Gruppenfotos von ihrer Konfirmation sieht sie aus wie Vierzig, und ich vermute mal, wenn sie eines fernen Tages ihre Goldenen Hochzeit feiert oder ihr erstes Urenkelkind aus der Taufe hebt, wird sie immer noch aussehen wie Vierzig. Irgendwie also durchaus beneidenswert, aber eben erst ab einem gewissen Alter.

Kaum dass sie mein Büro verlassen hatte und ich mich mit einem unterdrückten Seufzer der Lektüre ihres Berichts zuwenden wollte, hatte ich plötzlich eine Vision: wie ich in zwanzig oder noch mehr Jahren immer noch in dieser Lokalredaktion sitze, wie die unverändert vierzigjährig aussehende Barbara Nölting einen Artikel bei mir einreicht und ich ihn ungelesen durchwinke - den Text, ohne ihn eines zweiten Blickes zu würdigen, einfach an den Setzer weiterleite. Aus purem Überdruss daran, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr den ganzen Quatsch lesen zu müssen, den die freien Mitarbeiter mir abliefern. Wobei ich jedoch nicht auf einen Versuch verzichte, diesen Überdruss mit vorgeschobenen Argumenten zu bemänteln. Barbara ist eine erfahrene und bewährte Mitarbeiterin, es wird schon in Ordnung sein, was sie geschrieben hat. Nicht gut, aber in Ordnung.

Die Vision zerplatzte wie eine Seifenblase. Ich nahm noch einen Schluck Kaffee zur Stärkung meiner Nerven, dann biss ich die Zähne zusammen und machte mich daran, Barbaras Weihnachtsmarkt-Vorbericht zu lesen.

Der Text war rund 4.000 Zeichen lang, ein bisschen viel für die bloße Ankündigung einer bevorstehenden Veranstaltung, aber nun gut, irgendwie müssen wir die Zeitung schließlich jeden Tag voll kriegen. Auch die Formulierung "Volle zwei Tage lang wird der Weihnachtsmarkt das Pflaster des Marktplatzes von Gössweiler zum Glühen bringen" ließ ich Barbara achselzuckend durchgehen. Ausgesprochen konsterniert war ich jedoch, festzustellen, dass mehr als drei Viertel des Artikels sich ausschließlich um Annemie Puvogels Schmuckstücke aus Nespresso-Kapseln drehten.
Annemie kam ausgiebig selbst zu Wort - durfte berichten, dass ihr die Idee zu diesem Hobby im Zusammenhang mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Seniorenheim gekommen sei (die sie inzwischen aufgegeben hat, weil sie davon Depressionen bekommen hat - was jedoch nicht erwähnt wurde); durfte sich lang und breit darüber auslassen, dass sie selbst keine Nespresso-Maschine habe, obwohl der Kaffee sehr lecker sei, aber ihrem Mann seien die Maschine und vor allem die Kapseln einfach zu teuer, und deshalb müsse sie sich das Material für ihr 'Kunsthandwerk' eben bei Anderen zusammensammeln, bei Freunden, Nachbarn  und Arbeitskollegen (Arbeitskollegen! Vor meinem geistigen Auge flog die LiquiTech-Fabrik in Medeloh ein zweites Mal in die Luft, und ich fragte mich, ob die Leser wohl dieselbe Assoziation haben würden, zumindest diejenigen Leser, die wissen, wo Annemie gearbeitet hat); und dann folgten wortreiche, aber seltsam unanschaulich bleibende Beschreibungen einiger von Annemies 'Creationen'. Fotos hatte Barbara dem Artikel nicht beigefügt, und ich nahm an, dass das seine Gründe hatte. Dass sich an dem Weihnachtsmarkt in Gössweiler neben Annemie Puvogel noch über hundert weitere Aussteller beteiligen, erwähnte der Artikel nur beiläufig.

Glaubt man Barbara Nölting, dann kann man den Eindruck gewinnen, Pannemaries Schmuck aus Aluminiumabfällen wäre die größte Attraktion des ganzen Weihnachtsmarkts. Aber im Grunde ist das gar nicht so überraschend, wenn man weiß, was - neben mir selbst - ziemlich sicher zahlreiche Leser des Landkreisboten wissen werden: dass Barbara Nölting eine Schwägerin von Pannemarie ist. Und somit eine geborene Puvogel.

Mit einem diesmal nicht unterdrückten Seufzer machte ich mir klar, dass mir, um den Artikel zu verbessern, wohl nichts Anderes übrig blieb, als selbst Erkundigungen einzuziehen, was der Weihnachtsmarkt denn noch so zu bieten haben wird. Also griff ich zum Telefon und rief bei einigen Geschäften in Gössweiler an, außerdem bei den Vorsitzenden oder Pressesprechern einiger örtlicher Vereine.
Die Ergebnisse waren niederschmetternd. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas einmal sagen würde, aber verglichen mit dem Programm dieses Weihnachtsmarkts in Gössweiler hatte der letzte Groß Söfinger Adventsmarkt fast schon großstädtisches Flair. Da gab es Mädchen mit Rastalocken, die Hanfprodukte und vegane Lebkuchen verkauften, und die Freie Waldorfschule bot Kurse für Moosgärtnern, Kerzenziehen und Strohsternbasteln an. In Gössweiler hingegen heißen die Programmhöhepunkte Tombola und Ponyreiten, Erbsensuppe aus der Gulaschkanone, Shantychor und Jagdhornbläser aus Kirchmänningen mit einem "aus kirchlichen und weihnachtlichen Stücken gemischten Programm" - und "im Laufe des Nachmittags wird zudem der Weihnachtsmann erwartet"! Damit nicht genug, teilte man mir schließlich mit, "als geselligen Abschluss" werde es eine "Weihnachtsparty in der Schützenhalle" geben. Sowas kann man doch nicht schreiben, dachte ich und warf das schnurlose Telefon entnervt aufstöhnend auf einen Stapel unerledigter Post auf meinem Schreibtisch. Dann schon lieber Pannemarie mit ihrem schrottigen Alu-Schmuck. 



[Inspirationsquelle: siehe hier.] 

Freitag, 5. Dezember 2014

Schwarzer Peter für Schlaubi-Schlumpf (oder: Blackfacing for Africa)

Die Klasse 8a des Gymnasiums Groß Söfingen berät darüber, was sie zur Weihnachtsfeier der Schule beitragen soll. Der Erlös dieser Weihnachtsfeier wird dem Hilfswerk Terre des Hommes zu Gute kommen, das in Mali Brunnen bohrt. Lehrerin Linda Laarmann gibt sich alle Mühe, den Namen der Hilfsorganisation korrekt französisch auszusprechen. Teerdesomm. So richtig französisch klingt es aber doch nicht. 

"Wir könnten Geld dafür nehmen, dass die Besucher sich mit dem Weihnachtsmann fotografieren lassen", schlägt jemand vor. Die Idee kommt gut an, und schnell sind sich alle einig, dass Nikolaus Nölting den Weihnachtsmann spielen soll - wo er doch sowieso schon Nikolaus heißt, das passt doch prima, ho ho ho. Aber dann wirft jemand die Frage auf: "Und was machen die Anderen die ganze Zeit?" 

Es wird erwogen, dass sich ja auch noch andere Schüler verkleiden könnten - zwar nicht als Weihnachtsmann, denn den dürfe es nur einmal geben; aber als Engel, als Weihnachtselfen, vielleicht sogar als Rentiere. Letzteres wird dann aber doch als zu aufwändig verworfen. 
"Und wie wäre es mit dem Schwarzen Piet?", ruft Billy Bolte in die Runde. Billy ist etwas klein gewachsen für sein Alter und trägt eine zu große Hornbrille, aber dafür ist er Klassenbester. All dies zusammengenommen hat ihm den Spitznamen 'Schlaubi-Schlumpf' eingebracht. Und er macht diesem Spitznamen wieder einmal alle Ehre, denn keiner seiner Mitschüler hat eine Ahnung, wovon er redet. 
"Der Schwarze Piet", doziert Billy ungerührt, "ist eine traditionelle Figur aus den Niederlanden." (Es ist typisch für 'Schlaubi-Schlumpf', dass er 'Niederlande' sagt und nicht 'Holland'.) "Er ist da der Begleiter des Nikolaus, so wie bei uns Knecht Ruprecht." 
"Und wie sieht der aus?", fragt jemand. 
"Ach, der hat einfach irgendeinen Hut auf und einen Umhang um, aber vor allem hat er ein schwarzes Gesicht." 

Wie auf Kommando richten sich alle Augen auf Jeremy Rössing - das einzige dunkelhäutige Kind in der Klasse, das einzige dunkelhäutige Kind auf dieser Schule, ja, wahrscheinlich sogar das einzige dunkelhäutige Kind in der ganzen Samtgemeinde. Wie Bettina Rössing zu einem dunkelhäutigen Kind gekommen ist, weiß keiner so genau, außer ihr selbst wahrscheinlich. Üblicherweise steht stets der Paketbote im Verdacht, für uneheliche Kinder in der Samtgemeinde verantwortlich zu sein - und tatsächlich ist es auffällig, dass gerade alleinstehende Frauen außerordentlich viel Kram aus irgendwelchen Versandkatalogen bestellen. Heutzutage vielleicht auch oder sogar hauptsächlich aus dem Internet, aber in den kleineren Dörfern und Flecken der Samtgemeinde gibt es das vielfach noch gar nicht. Zum Teil nicht einmal Kabelfernsehen, was die Bestellmöglichkeiten noch weiter einschränkt. Muss also doch der gute alte Katalog herhalten. Aber einen schwarzen Paketboten hat in der Samtgemeinde noch nie jemand gesehen. 

Wirklich gewundert hat sich andererseits aber auch niemand über Bettina Rössings dunkelhäutiges Kind. Bei dieser Familie wundert man sich schon lange über gar nichts mehr. Bettina wohnt zwar schon seit Jahren in Klein Söfingen und arbeitet im Handarbeitsgeschäft von Gisela Puvogel, aber sie gehört zu den Rössings aus Achternbeek, und das ist eine seit Generationen verrufene Familie. Uneheliche Kinder, Inzest, Gattenmord, Alkoholismus, Spielschulden, Versicherungsbetrug durch Brandstiftung, das scheint bei den Rössings aus Achternbeek geradezu an der Tagesordnung zu sein. Mit den Rössings auf Gut Rössingen sind die nur ganz entfernt verwandt. Aber man kann sich vorstellen, wie die alte Bertha Rössing auf Gut Rössingen Woche für Woche die Hände über dem Kopf zusammenschlägt über das, was ihre entfernten Verwandten in Achternbeek sich so alles leisten, und insgeheim darüber flucht, dass sie denselben Familiennamen tragen wie sie. Sie selbst ist zwar nur angeheiratet, sie ist eine geborene Nolte, gehört aber immerhin schon seit über fünfzig Jahren zu den Rössings - den echten Rössings, wie sie sagen würde. 

Jeremy Rössing mag es nicht, wenn ihn alle anstarren, und er hat auch keine Lust, bei der Weihnachtsfeier den Schwarzen Peter zu spielen. Letzten Winter hat der katholische Pfarrer von Klein Söfingen ihn gefragt, ob er beim Dreikönigssingen in der Schlesiersiedlung mitmachen wolle, als Mohrenkönig. Er hätte vielleicht ja gesagt, aber seine Mutter war dagegen. Jetzt denkt er, ein Mohrenkönig wäre doch immer noch etwas Besseres gewesen als der Schwarze Peter. 

Plötzlich meldet sich Jacqueline Schmidtjohann, die Klassenprinzessin, zu Wort. Sich selbst hat sie bereits die Rolle eines Engels gesichert - das passt zu ihr, zumindest was das Aussehen betrifft. "Aber wäre es nicht unsinnig", meint sie, "jemanden schwarz anzumalen, der sowieso schon schwarz ist?" 
Vielstimmiges Gemurmel und Getuschel erfüllt den Klassenraum; die meisten Mitschüler scheinen sich unsicher zu sein, was sie von diesem Einwand halten sollen. Nicht jedoch Wiebke Wieting, Jacquelines ewige Rivalin, die auch einen Engel hatte spielen wollen, aber den strategischen Nachteil hat, etwas kleiner, etwas weniger schlank und etwas weniger blond zu sein als Jacqueline. "Unsinn", wirft sie ein. "Das ist doch gerade das Gute, dass wir Jeremy gar nicht erst anmalen müssen." 
Einen Moment lang scheint es, als hätte Wiebke die Klasse auf ihre Seite gebracht; aber der Moment vergeht schnell. "Nein, Jacqueline hat Recht", dekretiert 'Schlaubi-Schlumpf' mit seiner hellen, aber festen Stimme. "Der Scharze Piet muss ein schwarz angemalter Weißer sein und kein echter Schwarzer. Das ist Tradition." 
Jeremy Rössing nimmt diese Wendung der Ereignisse mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Einerseits ist er ganz froh, nicht den Schwarzen Peter spielen zu müssen. Andererseits findet er es aber doch ein bisschen diskriminierend, dass er keinen Schwarzen spielen darf, weil er ein Schwarzer ist

Der Rest der Klasse beschließt nahezu einstimmig, dann solle Billy Bolte alias 'Schlaubi-Schlumpf' den Schwarzen Piet eben selber spielen. Ob als Belohnung dafür, dass es seine Idee war, oder als Strafe für seine ewige Klugscheißerei, sei mal dahingestellt. 

Die Diskussion über die Schulweihnachtsfeier scheint abgeschlossen, aber da recken Fabian Wesolowski und Marvin Müllerklaus ihre Arme in die Höhe: Sie haben sich ein eigenes Projekt ausgedacht, sie wollen Gebäckschalen aus alten Vinylschallplatten herstellen und verkaufen. Was ihre Mitschüler von dieser Idee halten, ist ihnen an den Gesichtern anzusehen: Na das war ja klar, dass die beiden wieder eine Extrawurst brauchen. Fabian Wesolowski kommt aus der Schlesiersiedlung in Klein Söfingen, und die Schlesier sind bekannt dafür, bei jeder Gelegenheit ihr eigenes Süppchen zu kochen. Die haben ja sogar ihre eigene Kirche und lassen ihre Kinder nicht zum Religionsunterricht gehen. Und Marvin Müllerklaus kommt zwar nicht aus der Schlesiersiedlung, ist aber erstaunlicherweise trotzdem Fabians bester Freund. Aber wenn sie unbedingt Schüsseln aus alten Schallplatten basteln wollen: Sollen sie doch

Somit sind alle zufrieden, nur Lehrerin Linda Laarmann macht sich Gedanken. Irgendwo, so meint sie sich zu erinnern, hat sie gehört oder gelesen, dass es in den Niederlanden massive Proteste gegen die Figur des 'Schwarzen Piet' als Begleiter des Nikolaus gibt. Weil diese Figur angeblich rassistisch sei. Im Lehrerzimmer schildert sie ihre Bedenken einem Kollegen, aber der meint: "Na, immerhin werden von dem Geld, das ihr mit dieser Aktion einnehmt, Brunnen in Mali gebohrt. Da wird man euch wohl kaum Rassismus vorwerfen können." 


[Inspirationsquelle: siehe hier.]